Pars pro Toto. Über die Malerei von Tomasz Paczewski von Eberhard Stosch

 

Sie gibt gleichsam alles, die Malerei von Tomasz Paczewski, aber sie schenkt dem Betrachter nichts. Schwer, oft kaum möglich, sich zu lösen von der Faszination, die von den Bildern ausgeht. Das Auge wird in Randzonen der gezeigten Wirklichkeit geführt, der Blick aber stellt sich selbst in Frage. Ist es Sympathie, besser Empathie, mit der wir den Protagonisten in ihren jeweiligen Szenen näherkommen? Oder handelt es sich um die emotionale Kälte des distanzierten Zuschauers, die den Figuren, so unscharf und und wenig greifbar sie sein mögen, gleichsam detektivisch Verborgenes abzulauschen sucht? Oder macht die jeweilige Szene gar den Betrachter zum Voyeur, dessen Tun zur Voraussetzung hat, daß er, triebgesteuert agierend, gegen die herrschende Moral verstoßend, nicht beobachtet werden will?

   Die Frage der Distanz zwischen Bild und Betrachter ruft  immer wieder aufs Neue den weiten Horizont des Subjektiven auf. Topoi, also „Allgemeinplätze“, sind gewissermaßen die Seezeichen, die im Ozean des Wahrzunehmenden Wege und Ziele markieren. So kennen wir seit mehr als zweitausend Jahren, seit der Periode der griechischen Klassik, einen Topos, der die Distanz des Zuschauers zu einem katastrophalen Geschehen in ein Sprach-Bild übersetzt: „Schiffbruch mit Zuschauer“. Dieser Topos problematisiert die Haltung des Subjekts als Zuschauer, der ungefährdet, vom sicheren Ufer aus, nicht bloß Zeuge wird eines Unglücks, eines Schiffsuntergangs, sondern das Geschehen mit Leidenschaft und wechselndem Engagement begleitet. Ob er sich von seinen Gefühlen überwältigen läßt, oder ob er kühlen Mut bewahrt und vernunftmäßigen Handlungslinien folgt, oder ob er die Katastrophe ästhetisch genießt (!), wurde in der Geschichte moralischen Räsonnements bis auf die Tage heutiger Gesellschaftsphilosophie immer aufs neue erwogen.

   Tomasz Paczewski ist nicht Philosoph, sondern Maler. Aber eben ein denkender Maler. Es fällt ihm nicht ein, den ausgetretenen Pfaden heutiger Bildproduktion zu folgen. Das Phänomen der Inkommensurabilität mit den Antithesen des Malens durchwirkt sein Werk, das ansonsten schwerlich auf einen Nenner gebracht werden kann. Ob die Malerei abstrakt, ob sie gegenständlich zu sein hat, ist ihm keinen Disput wert. Was ihn interessiert, sind Dinge, Probleme des Malens, die in unserer Zeit, dem umwitterten Hier und Jetzt des Dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung, von Belang sind. Ein Dichterwort aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts sagt den zu Topoi erstarrten Themen der Kunst ab mit den Worten: „Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab, damit wollen wir uns nicht befassen, das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet ...“.

   Dem Maler Tomasz Paczewski geht es in seine Bildern ebenfalls nicht um Todessehnsucht und Liebesschmerz oder Erlösung, sondern um Wiedergabe von Tatsachen, die nicht ohne weiteres zutage liegen. Sie drängen sich dem Betrachter geradezu auf, wenn er hellsichtig wird in Bezug auf die Prozesse, die für die Wahrnehmung von Bildern grundlegend sind. Der von medialen Bildern geprägte Zeitgenosse muß seine Wahrnehmung freilich anders justieren  als gewohnt. Sie sollte weniger zielen auf die vorgefertigten Inhalte (die „message“), wie sie uns medial geformte Bilder aufdrängen, als vielmehr sich den Ambiguitäten öffnen, die intensiver Wahrnehmung der sogenannten Wirklichkeit und ihren Repräsentationen  innewohnen.

   Was dann zählt, sind vornehmlich zwei Dinge: Distanz und Reflexion. Beide sind letztlich gegründet in nüchterner Vernunft. Erst die Distanz zum Bild erlaubt dem Betrachter, über das Bild nachzudenken, statt in der Empfindung zu verharren. Das Bild wird transformiert zu einem  geistig-sinnlichen Konstrukt, das sich dem Denken nicht weniger öffnet als der Wahrnehmung. Das ist dann die Grundlage für reflexive Prozesse, die über den Weg einer Kritik des „Bild-Aktes“ in eine Art Selbstvergewisserung einmünden: Indem wir verstehen, weshalb das Kunstwerk in jedem seiner Einzelzüge so und nicht anders ist, erleben wir, daß ein neuer Horizont sich auftut, der unübersehbar Vieles umschließt. Vor allem aber umschließt er ein Stück lebendige Wirklichkeit, und mitten darin den Künstler, den Betrachter und das Bild.

 

(Eberhard Stosch in „Tomasz Paczewski. Pars pro Toto“, Katalog der Ausstellung im Amtsrichterhaus Schwarzenbek, Juli 2017)

 

Perforierter Raum. Zu den Arbeiten von Tomasz Paczewski von Beatrix Nobis

                                                                                                                                                                                                                        

Die Welt, wie wir sie sehen, ist vermeintlich klar umrissen und wohlgeordnet. Der Mensch findet sich in ihr zurecht, er orientiert sich an Fixpunkten, an Umrissen und Bewegungen. Bei genauerer Betrachtung ist dies eine Illusion: Unser Wissen beruht auf eintrainierten, von Kindheit an erlernten und im kollektiven Gedächtnis verankerten Verhaltensmustern, die leicht zerstört werden können. Jeder hat einmal die Erfahrung gemacht, wie schnell die Ordnung unseres überschaubaren Alltags ins Wanken geraten kann, wie abgrundtief die Unsicherheit wird, wenn sich das Gesichtsfeld verschiebt, weil etwas Unverständliches passiert. Es muss nicht immer erschreckend sein, manchmal reichen ein Blick, eine Geste, eine Begegnung, die beobachtet werden.                                                            

   Tomasz Paczewski löst seinen Bildgrund in zahlreiche Flecken auf, die weder Pixel noch Raster sind, sondern kleinteilige Elemente, die den Raum perforieren und ihn aus dem Kontinuum lösen, das uns so vertraut erscheint. In dieser Zone des Unwägbaren bewegen sich seine Figuren, vereinzelt, paarweise, in Gruppen oder in großen Menschenansammlungen. Da die Beziehung der Menschen zueinander aufs Äußerste eingeschränkt ist, und der Betrachter aus der Distanz zuschaut, bleibt ihr Tun unwägbar. Trotzdem erscheint es absichtsvoll, keineswegs ziellos oder zufällig. So werden Vermutungen geweckt, die jedoch ins Leere laufen, weil uns eine Bilderzählung vorenthalten wird. Die Zeit ist angehalten, fixiert auf einen beiläufigen Moment, der wesentlich zu sein scheint, in Wahrheit jedoch auslöschbar oder zumindest variabel ist.                                                                                    

   „Vater, wo ist dein Hut“ hat Tomasz Paczewski eine Bilderfolge genannt, in feinster Sütterlin-Schrift betitelt und voller Ironie. Der Hut, das Statussymbol des Mannes bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, wird in einer kleinen Typologie vorgestellt, als Relikt einer Zeit, die untergegangen ist und sich doch in ihren dinglichen Zeugnissen behauptet. Das allmähliche Verschwinden des Hutes aus dem Straßenbild, kaum merklich und doch endgültig, erscheint wie eine Metapher für Tomasz Paczewskis Arbeit: Vermeintlich Unbedeutendes wird in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und bleibt doch rätselhaft verschlüsselt. Der Blick wird zurückgewiesen und doch magisch immer wieder auf die „absichtsvolle Unabsichtlichkeit“ gerichtet, die im Mittelpunkt der Bilderfindung steht. 

 

(Beatrix Nobis in „3650 Tage. Galerie im Stammelbach-Speicher. Die zweite fünf Jahre", Hildesheim, 2012, S. 110-113) 

 

 

 

Heile Welt. Über die Malerei von Tomasz Paczewski von Michael Stoeber

 

Die Bilder von Tomasz Paczewski erinnern mich an Vexierbilder. Unter Vexierbildern werden häufig Rätselbilder verstanden, weil sie nicht eindeutig sind, weil sie sowohl dies wie auch das meinen können und der Betrachter das eine oder andere in ihnen erkennt oder unter ihnen versteht. Dieser gleitende Charakter des Vexierbildes kommt in der Regel zustande durch das Wechselspiel von Bildgrund und Bildfigur. (...)

   Was sind das für Bilder, die der Künstler malt? Bilder, deren Charakter so stark von ihrem Bildraster bestimmt wird. (...) Bilder, die mit ihrer Rasterung und Pixelung an technische Bilder anknüpfen, an Fotografien und Offsetdruck und an technische Medien. Und diese Erinnerung ist wiederum verbunden mit der Erinnerung daran, was die technischen Bilder der Malerei weggenommen haben, wie sehr diese durch sie enteignet wurde. (...) Aber stimmt diese erste Assoziation überhaupt? Sind Paczewskis Bilder wirklich Rasterbilder, in dem Sinne dass ihre Rasterung den Pixelcharakter des technischen Bildes in Anschlag bringt.

   Schauen wir genauer auf die Reihe der "Boten" und "Vorboten", auf die "Hunde" und "Tore" im Werk des Künstlers, dann müssen wir diese Assoziation zurückweisen. Es handelt sich bei den Arbeiten von Tomasz Paczewski eher um Strukturbilder, um Strukturen, die sich von Bild zu Bild ändern und die viel mehr mit einer streng durchgehaltenen Ornamentik zu tun haben, als mit der Evokation von Pixelungen. Eine Ornamentik, die viel näher beim abstrakten Bild steht als beim technisch produzierten und reproduzierten. (...) In manchen Bildern finden Sie in der Tat Punkte wie im "Red Dog", aber auch die Punkte fasern in den meisten Gemälden aus wie in den "Boten", sie zerfließen und ändern von Bild zu Bild ihre Gestalt. In manchen Werken wirkt die Struktur organisch wie in etlichen Bildern aus der Serie "Geschichten ohne Handlung" oder sie wird so konstruktiv geometrisch wie in "Yellow Dog". Immer handelt es sich dabei um all over Strukturen, die das ganze Bild bedecken, eine Art ornamentierter Bildgrund, in den das Bildsujet eingefasst ist wie das mumifizierte Insekt im Bernstein.
Das führt zu einer weiteren Uneindeutigkeit. Je nachdem, worauf ich mich als Betrachter fokussiere, tritt entweder die Struktur oder das Motiv nach vorne. Dieser Wechselcharakter führt dazu, dass die Bilder unter meinem gerichteten Blick anfangen, in Bewegung zu geraten. (...) Dieses Wechselspiel ist eng verbunden mit einer Bewegung, in der die Bilder ebenso tief wie flach erscheinen. Die Bildperspektive weitet sich einerseits hin zur räumlichen Tiefe und bleibt andererseits doch auf der Fläche und weist das Bild als gemaltes und gemachtes aus. 

   Illusionismus und Desillusionierung, Täuschung und Enttäuschung bietet uns der Künstler sozusagen im selben Atemzug. (...) Die Uneindeutigkeit, das sowohl als auch wie das weder-noch, setzt sich fort auf der Ebene des Inhalts der Werke des Künstlers, am Deutlichsten vielleicht in Paczewskis Bildserien der "Boten" und "Vorboten", aber auch in seinen "Geschichten ohne Handlung", die das Paradox schon in ihrem Titel zum Thema machen.

   Denn was sollen das wohl für Geschichten sein, die keine Handlung haben. Gehört die Handlung nicht zur Geschichte wie das Salz zur Suppe? Von welchem Drama, was im Deutschen ja nicht von ungefähr Handlung heißt, wollen uns diese Geschichten ohne Handlung Mitteilung machen?

   Doch zuerst zu den "Boten"! Was sind das für Boten? Sie sind in der Regel auf den Bildern des Malers in Bewegung und werden damit ihrem Ruf gerecht, Überbringer von Botschaften zu sein. Aber laufen sie zu jemandem hin oder laufen sie vor jemandem weg? Sind sie friedlich oder aggressiv? Hat da einer von ihnen einen Schlüssel in der Hand oder nicht doch eher eine Pistole? Sind das Bieder- oder Dunkelmänner? (...)

   Solche Komplexität in einer Person ist natürlich ein wunderbares Emblem für einen Maler wie Tomasz Paczewski, der malt, um im Akt des Malens zugleich den Status des Bildes wie auch dessen Wahrnehmung zu problematisieren. Ein Emblem, das seiner Aufmerksamkeit nicht entgehen konnte und nicht entgangen ist. Ebenso verschlüsselt, wie er mit diesem Emblem umgeht, wenn er uns von ihm nur den Begriff des Boten lässt, ebenso ironisch geht er mit der Idee des Vorboten um. Von Vorboten sprechen wir im Zusammenhang mit einem Ereignis, wenn Vorboten ihre Schatten vorauswerfen. Aber in Paczewskis Werk sind die Vorboten ganz buchstäblich nur kleinere Formate der zu erwartenden Boten. Damit geht es ihnen nicht anders als seinen "Geschichten ohne Handlung".

   Gleichgültig, was wir in diesem aus vielen identischen Formaten zusammengesetzten Tableauensemble entdecken: Ob entgegengesetzte Malstile, Positiv-Negativ Oppositionen, Gestisches oder Gegenständliches, ob Ausflüge in die Geschichte oder Gegenwart, auf die Mattscheibe der MTV-Generation, oder hin zu mythischen, biblischen und politischen Erzählungen, stets bleiben die Sujets von Tomasz Paczewski in ihren Bildrahmen wie Schneewittchen in ihrem Sarg. Wir müssen sie erwecken wie der Prinz das schöne Kind. Nicht mit einem Kuss, aber mit der Kraft unsere Fantasie. Der Künstler macht uns zu Koautoren seiner Kunst. Nehmen wir die Aufgabe wahr und ernst, dann bleiben auch seine Geschichten nicht länger ohne Handlung. (...)

 

(Ausschnitte aus der Eröffnungsrede im imago Kunstverein Wedemark am 3. September 2006)