Tomasz Paczewski: Territorium. Palais Rastede. Von Rainer Beßling


Ein alltägliches Ereignis und doch elementares Erlebnis: die Begegnung mit Menschen. Der Blick dockt unwillkürlich an. Diskret oder offen. Von einem festen Standpunkt oder im Vorbeigehen, kurz oder länger. Die Suche nach den Augen, das Scannen der Gesichtszüge und Gesten, das Lesen in der Statur und Haltung. Der Beobachtende sammelt Informationen und setzt sie zusammen. Dabei macht er (sich) ein Bild. So flüchtig die Begegnung auch ist, so sehr sich auch Irritationen einmischen mögen - der Eindruck steht. Doch woran wird er festgemacht? Was lenkt die Wahrnehmungen und begründet ein Urteil? Was lässt sich am Gegenüber ablesen und was wird ihm zugeschrieben?


Prosa und Poesie kreisen in unzähligen Variationen um diese Situation. Und viele machen die Bedingungen des Blicks selbst zum Thema. In Edgar Allen Poes „Man of the crowd“ nimmt ein Beobachter durch ein rauchgetrübtes Fenster die Menschen auf der Straße wahr. In „Leute von Hamburg“ lässt Siegfried Lenz seinen Erzähler durch ein altes Rumglas auf die Vorbeigehenden schauen. Die äußere Eintrübung oder Verzerrung des Schauens macht die Passanten kenntlicher. Die Botschaft der literarischen Strategie: Wir können anders und oft genauer sehen, wenn wir den Blick verschieben oder gegen Widerstände sehen.


In Tomasz Paczewskis Malerei treffen wir auf Menschen wie in Alltagssituationen: auf einzelne, auf Paare, auf Gruppen, auf geballte Menschenmassen. Und unsere Wahrnehmung trifft auf Widerstände. Die Figuren sind nicht klar zu erkennen, nicht eindeutig zu identifizieren. Wir sehen silhouettenhafte Konturen aus unzählige Elementarteilchen, verschwimmende oder schwebende Schemen, mal ganz in die Fläche gespannt, mal mehr oder weniger körperlich ausgeprägt. In quecksilbriger Schwere gleiten die Figurationen ineinander und strömen in den Raum. Schält sich das Bild erst aus einer trüben Stofflichkeit oder löst es sich auf wie in chemischer Zersetzung oder altersbedingter Verwitterung? Ist es Vorschein oder Nachbild im
zeitlichen Verlauf und im Widerstand gegen Scharfstellung und Fixierung?


Die Personen stehen an unbestimmten Orten, in nicht klar definierten Räumen. Es könnten Straßenszenen sein, urbane Plätze. Hin und wieder tauchen Landschaftselemente auf. In einem Bild gehen zwei Menschen durch Trümmer und Ruinen. Mal sind Bewegungen angedeutet, doch die Richtungen bleiben unbestimmt. Impulse oder Motive der Protagonisten können nicht
erschlossen werden. Häufig stehen die Personen regungslos im offenen Raum.


„Boten“ und „Vorboten“ nennt Paczewskis zwei seiner Bildreihen. Einer der Boten kommt auf uns zu. Was er mitteilt, lässt sich nicht entschlüsseln. Die Botschaft, die er überbringt, ist er selbst, sein eilender Laufschritt, der an ein Geschehen denken lassen könnte, dessen Zeuge er wurde, der vielleicht ein Fluchtverhalten markiert oder aber ein Vorhaben und ein Ziel. Die dunkle Figur reibt sich mit flimmernden Konturen an dem dunklen Raum wie in einem Energieaustausch. In einem zweiten Boten-Bild zeigt sich eine Frau, deren Kopf von einem Nimbus
umgeben ist, wie in einem Heiligen-Bildnis. In Gestalt flirrender Farbbahnen scheinen auch ihr Gesicht und ihr Körper mit Energie aufgeladen und diese zu verströmen. In einem dritten Boten-Bild schließlich schreitet ein Mensch auf einer gezackten lodernden Linie in eine dunklen Raum und nimmt die Betrachtenden soghaft in dieses Ungewisse mit hinein. Jeder Mensch teilt etwas mit. Mit seiner Erscheinung, seiner Präsenz, mehr aber noch mit seinen Geheimnissen. Die Oberfläche wirkt mit körperlichen Signalen, die gerne als Zeichen gedeutet werden.
Die Lieblingslektüre des Menschen ist der Mensch, doch sein Auftreten ist die komplizierteste Sprache und die vorzüglichste Quelle für Fehldeutungen Missverständnisse. Die Anschauung basiert auf dem Sichtbaren, doch das Denken hält das Sehen an der kurzen Leine. Für die Orientierung und zur Entlastung der Handlungsentscheidung siegt Konvention gegen Komplexität.

 

„Verschwörer“ ist eine weitere Bildserie betitelt. An ihr wird eine verbreitete Neigung zu Stereotypen und Vorurteilen anschaulich. Menschen stehen zusammen und befeuern den Verdacht konspirativer Zusammenkünfte. Schnell fühlen sich andere ausgegrenzt oder attackiert. Vor allem wenn sie Merkmale des Anderen oder Fremden zu erkennen glauben. Was verbirgt sich in den Menschen und hinter ihnen? Woran lässt sich eine Diskrepanz zwischen ihrem Auftreten und ihren Absichten ablesen? Woran wäre eine Verstellung zu erkennen?

 

Die Bilder zeigen, dass die Wahrnehmung angewiesen ist auf Deutung und Wertung. Täuschung soll vermieden werden. Wir müssen uns aber auch des aktiven und spekulativen Anteils beim Bildentwurf bewusst sein. Ein Bild, das macht diese Malerei anschaulich, ist eine Konstruktion mit dem Versuch einer Einheitsstiftung und einer Sinnzuschreibung. Einzelne Informationen werden zusammengefügt, Erlebnisse und Erkundungen mit Erfahrungen kurzgeschlossen. Situation, Kontext und Medialität lenken die Wahrnehmung. Aber ein Bild kann auch ein offenes Angebot für ein Bedenken der Wahrnehmungsweisen sein, wenn es wie in Paczewskis Malerei als gewordenes und gemachtes erkennbar wird, wenn es sich auf dem Weg vom Stoff zur Form zeigt, in einer Ambivalenz zwischen einmaligem sinnlichen Ereignis und verallgemeinernder begrifflicher Erfassung.


In „Doppelgängern“, so ein dritter Reihentitel, zeigt sich, dass keine zwei Personen gleich sind, auch wenn sie wie Zwillinge erscheinen. Keine zwei von uns schauen auf die selben Dinge in gleicher Weise, keine zwei denken in der selben Art. Empathie und Erfahrung können noch so groß sein, niemand kann in einen anderen Menschen schauen. Wir stehen Oberflächen und Inszenierungen gegenüber, Bildgebungen von Abbildern. Zugleich hat das Phänomen des „Doppelgängers“ aber noch eine andere Seite: wir fürchten in ihm den Verlust unserer Identität, wir spalten in ihm einen Teil unseres Charakters ab, er verfolgt uns als Schatten, in konstruktiver wie in destruktiver Weise.


In den Gruppenbildnissen von Tomasz Paczewski sind Beziehungen und Korrespondenzen angedeutet. Die Menschen scheinen zu kommunizieren. Doch worüber, in welcher Weise, das bleibt offen. Geschichten ohne Handlung nennt der Maler seine Bilder. Sie besitzen spürbar eine narrative Schicht, doch sie halten diese verborgen. Sie wecken den Beobachtungs- und Deutungseifer. Doch sie hüten ihre Geheimnisse und behaupten in ihren Formen und Farben ein Eigenleben als Malerei.

 

Die Gruppen-Bilder sind aus einer mittleren Distanz gesehen. In einem ist der Standpunkt des Betrachters erhöht. Der Eindruck von Übersicht stellt sich ein.Zugleich verhindert die Entfernung eine klare Identifizierung der Personen und des Geschehens. Die Gruppen und der leere Raum um sie herum sind in Helligkeit getaucht. Doch das Licht überstrahlt die Szenen eher, als dass es sie aufklärt. Die Darstellung gibt kaum Antworten, sie wirft eher Fragen auf. Wie hat die Gruppe zusammengefunden? Zufall, Schicksal, Plan? Was hat sie zusammengeführt? Einzelne Personen stehen am Rand, sind sie ausgeschlossen, kommen sie gerade neu hinzu? Was verbindet die Gruppe? Wie stabil ist sie? Was könnte sie spalten?
Was wirkt auf sie ein? Welche innere Dynamik formt und bewegt die Gruppe? Wie stellt sie sich nach außen dar? Ist sie offen oder abgeschlossen? Wir versuchen jedes Detail zu erkennen, jede Zuwendung, Ausrichtung und Verbindung zu entschlüsseln.


Durch die Unschärfen der Darstellung und den Austausch der Figuren mit den Räumen werden der Blick und das Bild selbst zum Thema. Dabei ist auch das Verhältnis zwischen Erscheinung der Wirklichkeit und Formulierung des Bildes problematisiert. Die Anteile des Materials, des Mediums und des Betrachters werden befragt. Die Bildnisse dieser Ausstellung geben keine geschlossenen Einheiten mit körperhaften Umrissen wieder, sondern bestehen aus offenen Punktemengen. Der Punkt behält in Tomasz Paczewskis Bildern seine Sichtbarkeit. Er ist Grundbaustein und Signatur seiner Malerei, die zwischen Aufbau und Auflösung, Analyse und Synthese changiert. An ihm entfaltet sich die Vielschichtigkeit der Werke. Sie sprechen ebenso von einem uneinheitlichen Subjekt wie von den komplexen und häufig unzusammenhängende Konstellationen unserer Wahrnehmung, von den losen Fäden zwischen Individuum und
Gesellschaft wie von der fehlenden Integration von Einzelereignissen in Sinn stiftende Zusammenhänge.


Grundsätzlich hat der Punkt es buchstäblich in sich: er ist die kleinste Einheit von größter Dichte, nicht nur in Bildern, sondern auch in der Zeit. Er ist Ursprung, aber auch Anfang und Ende in einem, schließt Vergangenes ab und bereitet Neues vor. Er markiert Positionen auf der Fläche, bestimmt Zentren und Randlagen, setzt Schwerpunkte. Er ist konzentriert, deutet aber auch Ausdehnung an. Er ist in sich gekehrt, eher klein und unbewegt. Doch wie er sich zu unendlicher Größen auswachsen kann, kann er auch im Verbund mit anderen Punkten die
unterschiedlichsten Formen annehmen - ein offenes und potentielles Universum. In den Bildern von Tomasz Paczewski, der lange vorwiegend grafisch gearbeitet hat, lassen die Punkte auch an Raster oder an Pixel denken. Im Druckverfahren oder in der digitalen Darstellung stellen die Punkte das Reservoir für unendlich viele Bilder bereit. Damit verweisen sie auch in Paczewskis Malerei auf die unbegrenzten Möglichkeiten der Komposition, die seit der Moderne mehr auf Konstellation und auf Kraftfelder setzt. Und sie markieren nicht zuletzt den
konstruktiven Charakter von Bildern, Parallelbewegung zur Konstruktion der Wirklichkeit durch symbolische Akte und diskursive Anlagerungen. Dabei rücken auch die Zwischenräume mit ihrem fließenden Modus als Passagen und Austauschbezirke in den Blick. Nicht zuletzt die Betrachtenden wirken an der Zusammenführung der Bildelemente mit. Damit lässt sich auch eine Brücke zu Impressionismus und Pointillismus bauen. Beide waren allerdings vorrangig an der Mischung der Farben interessiert.


Über die Raster, Pixel und Punkte sind Figur und Raum in Paczewskis Bildwelt in einem offenen Austausch verbunden. Gemäß einem atomistischen Weltbild zeigt sich alles als Ergebnis von Formbildungen aus kleinsten Einheiten, wobei Teil und Ganzes in einem Spannungsverhältnis stehen, das stets sichtbar bleibt. Damit sind sowohl Konsonanzen als auch Dissonanzen möglich und die Gestaltgrenzen offen, Verbindung und Auflösung sind gleichermaßen denkbar. Durch die offenen Grenzen der Körper gewinnen die Gestalten keine Identität. Sie können keine Differenz zu ihrer Umgebung ausbilden. Der Raum weist keine feste Architektur und sichere Koordinaten auf, sondern wirkt flüssig schwebend, wie Himmel oder Meer, ohne Balken und Wände, Decke und Boden, nicht beherrschbar in einem permanenten Strom und Wandel.


Eindrucksvoll in ihrer Präsenz sind Paczewskis Bilder von dicht gedrängten Menschenmengen in einem verbindenden Farbklang. Wir können an Aufmärscheoder Demonstrationen denken, an ein Konzertpublikum oder an Stadionbesucher. Solche Zusammenkünfte repräsentieren auf direkteste körperlich erfahrbare Art gemeinsame Ziele, Forderungen oder Leidenschaften. Der Wille von großen Bevölkerungsgruppen tritt hier ungebremst und ungefiltert auf. In solchen Massen lässt sich eine explosive Energie aufbauen, die destruktiv oder konstruktiv wirken
kann, fortschrittlich oder regressiv, im Sinne humaner oder barbarischer Anliegen, wie Geschichte und Gegenwart nur allzu deutlich zeigen.


Paczewskis Bilder von Massen beziehen sich auf eine körperliche Präsenz von Menschenmengen bei Zusammenkünften im öffentlichen Raum. Sie können aber genauso gut als Sinnbilder für den virtuellen Zusammenschluss von Communities oder Like-und-Follow-Gemeinden verstanden werden. Energien und Affekte bilden sich dort ebenso mit durchaus leibhaften Folgen und Wirkungen auch in den analogen öffentlichen Raum. Auch wenn die Sichtbarkeit im Netz vermittelter ist, tritt die Masse dort nicht mit weniger Präsenz auf. Vielleicht modellieren die
Ornamente der virtuellen Massen mit ihren ritualisierten Formeln bereits stärker und nachhaltiger das öffentliche Bewusstsein als ein tief gespaltenes.


Der Schriftsteller Elias Canetti formuliert in seiner Betrachtung der Masse eine interessante These: Von Natur aus sucht der Mensch Distanz zum Anderen, nur in der Masse überwindet er seine Berührungsangst, überschreibt seine Subjektivität an die Gemeinschaft. Dort kann er sich fallen lassen und in die Menge eingehen, in der Angleichung eine Masse bilden und sein vereinzelndes Ich verlassen, die wechselseitige emotionale Infizierung spüren, die eine äußere und innere Einheit stiftet und scheinbare Gleichheit schafft. Der Kulturtheoretiker Siegfried Kracauer hat vom „Ornament der Masse“ gesprochen. Der Einzelne versinkt im Erscheinungsbild der Menge, in die Anonymität. Das Individuum wird, wohlmöglich im Bewusstsein der Selbstermächtigung, zur abstrakten Form und allgemeinen Formel, verliert mit der Distanz potentiell seine autonome Urteilskraft und Handlungsmacht ähnlich wie in den mechanischen Verknüpfungen der industriellen Arbeit.


Der Einzelne verändert in der Masse seine Identität. Er gewinnt seine ganze Bestimmung allein aus dem Dienst am Ganzen, aus den einzelnen Körpern werden wie in Paczewskis Bildern Striche, Bögen, Punkte, Flecke zwischen Geometrie und amorphen Organismen, ein Gewebe mit einer Farbigkeit, einem Puls, einem Rhythmus, einem Atem. Die Masse zeigt sich als monumentales Zeichen, adressiert sich an andere um sich selbst zu finden und zu bestätigen. Sie besetzt ein Territorium mit dem Anspruch zur Expansion ihres Willens und zu Kolonialisierung anderer Terrains.


Schließlich beschäftigt sich Tomasz Paczewski in der Serie „Heidberg“ auch mit organischen Erscheinungsformen. Körper und Strukturen werden in verschiedenen Raumsituationen sichtbar. Die Formen changieren zwischen natürlichen Gestalten und künstlichen Gebilden, zwischen Organismus und Konstrukt, teils zwischen Pflanze und Tier. Das Kolorit erscheint artifiziell. Die Orte, an denen diese Wesen leben, rufen elementare Bezirke auf. Sie könnten Luft, Wasser, Erde sein und manchmal scheinen sie zu glühen. Die wuchernden Formen greifen in den Raum
aus, erobern, besetzen und bestimmen ihn.


Gerade in der Natur finden sich Elemente und Teilchen, die im Wuchs, in der Entfaltung und Verwandlung Wiederholungen und Differenzen ausbilden, die individuelle Einheiten schaffen und sich in Reihen und Gruppen zu einer Ganzheit fügen. Das Gesamtbild lässt an ein Ornament denken. Und so erinnern diese Tableaus zwar an gewachsene Natur, doch ebenso zeigen sie sich als bildhaftes Arrangement, als inszenierte Quelle für ästhetisches Empfinden, aber auch als Projektionsfläche für verinnerlichte Schönheitsvorstellungen. Die Formen sind in den Keimen bereits angelegt. Zellen wirken in ihrem Inneren weiter. Auch dieses unsichtbare Prozessgeschehen machen diese Bilder mit ihren expansiven Flächen und dynamischen Linien deutlich. Alles entsteht nach Programm und Plan und zeigt sich im Ergebnis doch individuell in unendlicher Vielfalt.


„Territorium“ ist die Ausstellung von Tomasz Paczewski überschrieben. Der Titel ist vielschichtig. Er passt zu den Werken, die auf Graten und Grenzen stehen und in verschiedene Richtungen kippen können. Aber: Hat jedes Element, hat jedes Teilchen bei aller Vielfalt nicht vielleicht doch einen passenden Raum, zu dem es gehört, in dem es seinen Platz findet und einnimmt, der seine Bestimmung ist? Findet auch der Mensch nur dann zu seiner Identität, zu Einheit und Ganzheit, wenn er ein spezifisches Territorium besetzt, das sein individuelles Selbst in einen Sinnzusammenhang einbindet? Schafft die Malerei ein Modell für die Wahrnehmung von Widersprüchen und Ambivalenzen und zugleich einen Weg, diese als Einheit zu begreifen, den Gegensätzen und ihrem zusammenführenden Bedenken einen gemeinsamen Raum zu geben? Schafft sie es, dem Singulärem und subjektiv Erfahrbaren, das heißt nicht zuletzt dem einzelnen und damit konkreten Individuum ein Territorium zuzuweisen, das es vor dem einebnenden Zugriff konventionell zuordnender Wahrnehmung schützt? Und schafft sie es letztlich in diesem Zusammenhang, dem Betrachtenden Impulse zur Reflexion seiner Wirklichkeits- und Werksicht zu geben?


Ein Raum, den diese Ausstellung aufblendet, ist der kleine Spalt zwischen Sehen und Erkennen, ein Bereich, wo zusammenfällt, was zu trennen wir uns angewöhnt haben: Sein und Schein, sinnliche Wahrnehmung und gedankliche Wahrheit. Ist das am Ende der künstlerische Bezirk, das ästhetische Gelände, die heile Welt, wo alle Brüche überwunden sind, indem sie reflektiert werden, wo der ästhetische Schein herrschen darf und soll, weil gerade er durch die Verhüllungen der Wirklichkeit blicken lässt?


Die Bildwelt von Tomasz Paczewski befolgt in ihrer Befragung von Teil und Ganzem, Element und Einheit, Individuum und Gruppe ein fundamentales Thema. Sie ist stofflich und anschaulich, zugleich aber auch reflektiert und reflexiv. Sie kreist um Strukturen in der Lebenswelt, um Strukturen im Bild und deren Verhältnis zueinander. Dabei hält sie ihre Aussagen maximal offen. Die Bilder werfen vorzugsweise Fragen auf, mit Antworten halten sie sich zurück. Sie wehren sich auch vehement gegen eine vorschnelle, bloß identifizierend abbuchende
Übersetzung in die Wortsprache. Sie sind keine Illustrationen einer abstrakten Weltsicht, sondern bilden auf der Basis der künstlerischen Praxis und gemäß der Kategorie ästhetischer Stimmigkeit eine eigene Wirklichkeit aus, die als visuelle gesehen, erfahren und verstanden werden will.


Rainer Beßling

 

Pars pro Toto. Über die Malerei von Tomasz Paczewski von Eberhard Stosch

 

Sie gibt gleichsam alles, die Malerei von Tomasz Paczewski, aber sie schenkt dem Betrachter nichts. Schwer, oft kaum möglich, sich zu lösen von der Faszination, die von den Bildern ausgeht. Das Auge wird in Randzonen der gezeigten Wirklichkeit geführt, der Blick aber stellt sich selbst in Frage. Ist es Sympathie, besser Empathie, mit der wir den Protagonisten in ihren jeweiligen Szenen näherkommen? Oder handelt es sich um die emotionale Kälte des distanzierten Zuschauers, die den Figuren, so unscharf und und wenig greifbar sie sein mögen, gleichsam detektivisch Verborgenes abzulauschen sucht? Oder macht die jeweilige Szene gar den Betrachter zum Voyeur, dessen Tun zur Voraussetzung hat, daß er, triebgesteuert agierend, gegen die herrschende Moral verstoßend, nicht beobachtet werden will?

   Die Frage der Distanz zwischen Bild und Betrachter ruft  immer wieder aufs Neue den weiten Horizont des Subjektiven auf. Topoi, also „Allgemeinplätze“, sind gewissermaßen die Seezeichen, die im Ozean des Wahrzunehmenden Wege und Ziele markieren. So kennen wir seit mehr als zweitausend Jahren, seit der Periode der griechischen Klassik, einen Topos, der die Distanz des Zuschauers zu einem katastrophalen Geschehen in ein Sprach-Bild übersetzt: „Schiffbruch mit Zuschauer“. Dieser Topos problematisiert die Haltung des Subjekts als Zuschauer, der ungefährdet, vom sicheren Ufer aus, nicht bloß Zeuge wird eines Unglücks, eines Schiffsuntergangs, sondern das Geschehen mit Leidenschaft und wechselndem Engagement begleitet. Ob er sich von seinen Gefühlen überwältigen läßt, oder ob er kühlen Mut bewahrt und vernunftmäßigen Handlungslinien folgt, oder ob er die Katastrophe ästhetisch genießt (!), wurde in der Geschichte moralischen Räsonnements bis auf die Tage heutiger Gesellschaftsphilosophie immer aufs neue erwogen.

   Tomasz Paczewski ist nicht Philosoph, sondern Maler. Aber eben ein denkender Maler. Es fällt ihm nicht ein, den ausgetretenen Pfaden heutiger Bildproduktion zu folgen. Das Phänomen der Inkommensurabilität mit den Antithesen des Malens durchwirkt sein Werk, das ansonsten schwerlich auf einen Nenner gebracht werden kann. Ob die Malerei abstrakt, ob sie gegenständlich zu sein hat, ist ihm keinen Disput wert. Was ihn interessiert, sind Dinge, Probleme des Malens, die in unserer Zeit, dem umwitterten Hier und Jetzt des Dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung, von Belang sind. Ein Dichterwort aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts sagt den zu Topoi erstarrten Themen der Kunst ab mit den Worten: „Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab, damit wollen wir uns nicht befassen, das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet ...“.

   Dem Maler Tomasz Paczewski geht es in seine Bildern ebenfalls nicht um Todessehnsucht und Liebesschmerz oder Erlösung, sondern um Wiedergabe von Tatsachen, die nicht ohne weiteres zutage liegen. Sie drängen sich dem Betrachter geradezu auf, wenn er hellsichtig wird in Bezug auf die Prozesse, die für die Wahrnehmung von Bildern grundlegend sind. Der von medialen Bildern geprägte Zeitgenosse muß seine Wahrnehmung freilich anders justieren  als gewohnt. Sie sollte weniger zielen auf die vorgefertigten Inhalte (die „message“), wie sie uns medial geformte Bilder aufdrängen, als vielmehr sich den Ambiguitäten öffnen, die intensiver Wahrnehmung der sogenannten Wirklichkeit und ihren Repräsentationen  innewohnen.

   Was dann zählt, sind vornehmlich zwei Dinge: Distanz und Reflexion. Beide sind letztlich gegründet in nüchterner Vernunft. Erst die Distanz zum Bild erlaubt dem Betrachter, über das Bild nachzudenken, statt in der Empfindung zu verharren. Das Bild wird transformiert zu einem  geistig-sinnlichen Konstrukt, das sich dem Denken nicht weniger öffnet als der Wahrnehmung. Das ist dann die Grundlage für reflexive Prozesse, die über den Weg einer Kritik des „Bild-Aktes“ in eine Art Selbstvergewisserung einmünden: Indem wir verstehen, weshalb das Kunstwerk in jedem seiner Einzelzüge so und nicht anders ist, erleben wir, daß ein neuer Horizont sich auftut, der unübersehbar Vieles umschließt. Vor allem aber umschließt er ein Stück lebendige Wirklichkeit, und mitten darin den Künstler, den Betrachter und das Bild.

 

(Eberhard Stosch in „Tomasz Paczewski. Pars pro Toto“, Katalog der Ausstellung im Amtsrichterhaus Schwarzenbek, Juli 2017)

 

Perforierter Raum. Zu den Arbeiten von Tomasz Paczewski von Beatrix Nobis

                                                                                                                                                                                                                        

Die Welt, wie wir sie sehen, ist vermeintlich klar umrissen und wohlgeordnet. Der Mensch findet sich in ihr zurecht, er orientiert sich an Fixpunkten, an Umrissen und Bewegungen. Bei genauerer Betrachtung ist dies eine Illusion: Unser Wissen beruht auf eintrainierten, von Kindheit an erlernten und im kollektiven Gedächtnis verankerten Verhaltensmustern, die leicht zerstört werden können. Jeder hat einmal die Erfahrung gemacht, wie schnell die Ordnung unseres überschaubaren Alltags ins Wanken geraten kann, wie abgrundtief die Unsicherheit wird, wenn sich das Gesichtsfeld verschiebt, weil etwas Unverständliches passiert. Es muss nicht immer erschreckend sein, manchmal reichen ein Blick, eine Geste, eine Begegnung, die beobachtet werden.                                                            

   Tomasz Paczewski löst seinen Bildgrund in zahlreiche Flecken auf, die weder Pixel noch Raster sind, sondern kleinteilige Elemente, die den Raum perforieren und ihn aus dem Kontinuum lösen, das uns so vertraut erscheint. In dieser Zone des Unwägbaren bewegen sich seine Figuren, vereinzelt, paarweise, in Gruppen oder in großen Menschenansammlungen. Da die Beziehung der Menschen zueinander aufs Äußerste eingeschränkt ist, und der Betrachter aus der Distanz zuschaut, bleibt ihr Tun unwägbar. Trotzdem erscheint es absichtsvoll, keineswegs ziellos oder zufällig. So werden Vermutungen geweckt, die jedoch ins Leere laufen, weil uns eine Bilderzählung vorenthalten wird. Die Zeit ist angehalten, fixiert auf einen beiläufigen Moment, der wesentlich zu sein scheint, in Wahrheit jedoch auslöschbar oder zumindest variabel ist.                                                                                    

   „Vater, wo ist dein Hut“ hat Tomasz Paczewski eine Bilderfolge genannt, in feinster Sütterlin-Schrift betitelt und voller Ironie. Der Hut, das Statussymbol des Mannes bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, wird in einer kleinen Typologie vorgestellt, als Relikt einer Zeit, die untergegangen ist und sich doch in ihren dinglichen Zeugnissen behauptet. Das allmähliche Verschwinden des Hutes aus dem Straßenbild, kaum merklich und doch endgültig, erscheint wie eine Metapher für Tomasz Paczewskis Arbeit: Vermeintlich Unbedeutendes wird in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und bleibt doch rätselhaft verschlüsselt. Der Blick wird zurückgewiesen und doch magisch immer wieder auf die „absichtsvolle Unabsichtlichkeit“ gerichtet, die im Mittelpunkt der Bilderfindung steht. 

 

(Beatrix Nobis in „3650 Tage. Galerie im Stammelbach-Speicher. Die zweite fünf Jahre", Hildesheim, 2012, S. 110-113) 

 

 

 

Heile Welt. Über die Malerei von Tomasz Paczewski von Michael Stoeber

 

Die Bilder von Tomasz Paczewski erinnern mich an Vexierbilder. Unter Vexierbildern werden häufig Rätselbilder verstanden, weil sie nicht eindeutig sind, weil sie sowohl dies wie auch das meinen können und der Betrachter das eine oder andere in ihnen erkennt oder unter ihnen versteht. Dieser gleitende Charakter des Vexierbildes kommt in der Regel zustande durch das Wechselspiel von Bildgrund und Bildfigur. (...)

   Was sind das für Bilder, die der Künstler malt? Bilder, deren Charakter so stark von ihrem Bildraster bestimmt wird. (...) Bilder, die mit ihrer Rasterung und Pixelung an technische Bilder anknüpfen, an Fotografien und Offsetdruck und an technische Medien. Und diese Erinnerung ist wiederum verbunden mit der Erinnerung daran, was die technischen Bilder der Malerei weggenommen haben, wie sehr diese durch sie enteignet wurde. (...) Aber stimmt diese erste Assoziation überhaupt? Sind Paczewskis Bilder wirklich Rasterbilder, in dem Sinne dass ihre Rasterung den Pixelcharakter des technischen Bildes in Anschlag bringt.

   Schauen wir genauer auf die Reihe der "Boten" und "Vorboten", auf die "Hunde" und "Tore" im Werk des Künstlers, dann müssen wir diese Assoziation zurückweisen. Es handelt sich bei den Arbeiten von Tomasz Paczewski eher um Strukturbilder, um Strukturen, die sich von Bild zu Bild ändern und die viel mehr mit einer streng durchgehaltenen Ornamentik zu tun haben, als mit der Evokation von Pixelungen. Eine Ornamentik, die viel näher beim abstrakten Bild steht als beim technisch produzierten und reproduzierten. (...) In manchen Bildern finden Sie in der Tat Punkte wie im "Red Dog", aber auch die Punkte fasern in den meisten Gemälden aus wie in den "Boten", sie zerfließen und ändern von Bild zu Bild ihre Gestalt. In manchen Werken wirkt die Struktur organisch wie in etlichen Bildern aus der Serie "Geschichten ohne Handlung" oder sie wird so konstruktiv geometrisch wie in "Yellow Dog". Immer handelt es sich dabei um all over Strukturen, die das ganze Bild bedecken, eine Art ornamentierter Bildgrund, in den das Bildsujet eingefasst ist wie das mumifizierte Insekt im Bernstein.
Das führt zu einer weiteren Uneindeutigkeit. Je nachdem, worauf ich mich als Betrachter fokussiere, tritt entweder die Struktur oder das Motiv nach vorne. Dieser Wechselcharakter führt dazu, dass die Bilder unter meinem gerichteten Blick anfangen, in Bewegung zu geraten. (...) Dieses Wechselspiel ist eng verbunden mit einer Bewegung, in der die Bilder ebenso tief wie flach erscheinen. Die Bildperspektive weitet sich einerseits hin zur räumlichen Tiefe und bleibt andererseits doch auf der Fläche und weist das Bild als gemaltes und gemachtes aus. 

   Illusionismus und Desillusionierung, Täuschung und Enttäuschung bietet uns der Künstler sozusagen im selben Atemzug. (...) Die Uneindeutigkeit, das sowohl als auch wie das weder-noch, setzt sich fort auf der Ebene des Inhalts der Werke des Künstlers, am Deutlichsten vielleicht in Paczewskis Bildserien der "Boten" und "Vorboten", aber auch in seinen "Geschichten ohne Handlung", die das Paradox schon in ihrem Titel zum Thema machen.

   Denn was sollen das wohl für Geschichten sein, die keine Handlung haben. Gehört die Handlung nicht zur Geschichte wie das Salz zur Suppe? Von welchem Drama, was im Deutschen ja nicht von ungefähr Handlung heißt, wollen uns diese Geschichten ohne Handlung Mitteilung machen?

   Doch zuerst zu den "Boten"! Was sind das für Boten? Sie sind in der Regel auf den Bildern des Malers in Bewegung und werden damit ihrem Ruf gerecht, Überbringer von Botschaften zu sein. Aber laufen sie zu jemandem hin oder laufen sie vor jemandem weg? Sind sie friedlich oder aggressiv? Hat da einer von ihnen einen Schlüssel in der Hand oder nicht doch eher eine Pistole? Sind das Bieder- oder Dunkelmänner? (...)

   Solche Komplexität in einer Person ist natürlich ein wunderbares Emblem für einen Maler wie Tomasz Paczewski, der malt, um im Akt des Malens zugleich den Status des Bildes wie auch dessen Wahrnehmung zu problematisieren. Ein Emblem, das seiner Aufmerksamkeit nicht entgehen konnte und nicht entgangen ist. Ebenso verschlüsselt, wie er mit diesem Emblem umgeht, wenn er uns von ihm nur den Begriff des Boten lässt, ebenso ironisch geht er mit der Idee des Vorboten um. Von Vorboten sprechen wir im Zusammenhang mit einem Ereignis, wenn Vorboten ihre Schatten vorauswerfen. Aber in Paczewskis Werk sind die Vorboten ganz buchstäblich nur kleinere Formate der zu erwartenden Boten. Damit geht es ihnen nicht anders als seinen "Geschichten ohne Handlung".

   Gleichgültig, was wir in diesem aus vielen identischen Formaten zusammengesetzten Tableauensemble entdecken: Ob entgegengesetzte Malstile, Positiv-Negativ Oppositionen, Gestisches oder Gegenständliches, ob Ausflüge in die Geschichte oder Gegenwart, auf die Mattscheibe der MTV-Generation, oder hin zu mythischen, biblischen und politischen Erzählungen, stets bleiben die Sujets von Tomasz Paczewski in ihren Bildrahmen wie Schneewittchen in ihrem Sarg. Wir müssen sie erwecken wie der Prinz das schöne Kind. Nicht mit einem Kuss, aber mit der Kraft unsere Fantasie. Der Künstler macht uns zu Koautoren seiner Kunst. Nehmen wir die Aufgabe wahr und ernst, dann bleiben auch seine Geschichten nicht länger ohne Handlung. (...)

 

(Ausschnitte aus der Eröffnungsrede im imago Kunstverein Wedemark am 3. September 2006)